Dem perfiden Albion seine rotte Tochter

Der deutsche Feuilletoneur, der mag die lichte Tochter Albions ja gar nicht leiden. Dass diese Mammonhuldiger von der Wall Street der deutschen Kultur so bös ans Bein gepisst, dass erträgt die Edelpfauenfeder kaum, ob rechts, ob links der Schädel im politischen Kuriositätenkabinett verschraubt. Wenn, dann kann man dieses Amerika in seiner alles abtragenden, transformierenden Macht nur verkniffenen Mundes und Arschlochs akzeptieren, der Rechte jaulend: Da herrsche noch Waffenstolz und Kriegestüchtigkeit, der Linke: Da sei ja die Liberalität zu Haus, in dem selben Judith Butler unter Dache Maisonett bezogen habe. Nur so ertragen sie den sich zwischen Weltozeanen erhebenden Leviathan: als Ideal, Fiktion ihrer Sehnsüchte. Ein Hass aber verbindet sie – der gegen das geldheckende, geschäftstüchtige Amerika, das ihnen so fremd.

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Das Lied von Eis und Feuer

Vor ein paar Jahren warf mich eine frühsommerliche Erkältung auf die Bettstatt und damit in eine gewisse Langeweile. Nicht elend genug mich fühlend, als dass ich keine Gedanken hätte fassen können, aber auch nicht beweglich genug, mich ernsthaften Betrachtungen über Sinn und Sein – wie ich es ja permanent tue – hinzugeben, benötigte ich ein mentales Schmerzmittel. Da griff ich zum ersten Bande des Liedes von Eis und Feuer. Ich glaube, es war mein scifi- und fantasybegeisterter Chefe, der mich zu diesem Schritt bewogen hat. Wie dem auch sei, ich hatte mir also den ersten Band der deutschen Ausgabe – die Herren von Winterfell geheißen – zugelegt, und sah nun den Anlass als gegeben, endlich mit der Lektüre zu beginnen.

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Witiko & Only God Forgives

Der Witiko, tja – er reitet auf einen Berg hinauf und dann wieder hinab, durchquert ein Tal von Westen her kommend, verschwindet hinter einem grauen Felsen und kommt wieder hervor; trägt ein grünes Wams, braune Stiefel und… Das Buch Stifters gilt als schwere, nur mühselig zu bewältigende Literatur. Die meisten lassen die Finger davon, zumal heutzutage. Ich – nun ich muss gestehen, dass mich die Lektüre dieses als nervtötend zäh verschrieenen Textes fesselte.

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Das goldene Haus von Samarkand

Wir zwölfjährigen Jungs scharten uns im engen Halbkreis zusammen; Schulter an Schulter, die Rücken schirmten einer Wand gleich unsere Geheimnisse von der Außenwelt. Diese bestand im konkreten Fall aus den übrigen Besuchern der szenegebenden Bahnhofsbuchhandlung, womöglich auch unseren Lehrern, deren Blicken und Verweisen es wie üblich zu entgehen galt. Denn wir waren auf Klassenfahrt und warteten am Bahnhof der großen Stadt auf irgendeinen Zug, der uns ins Nirgendwo eines Landschulheims verfrachten sollte. In der mit dem üblichen Schund reichlich angefüllten Bücherbude verbrachten wir bestens unterhalten die Wartezeit. Doch nicht die im Schaufenster drapierten Landserabenteuer oder Cowboyheldentaten hatten es uns angetan, sondern ein mindestens zwei zwölfjährige Jungshöhen langes Regal, angefüllt mit Comics – eine Auswahl, die wir bis dahin noch nicht gesehen hatten.

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Fragebögen und Leugner

„Der Holocaust ist von den Pionieren des Zionismus erfunden und finanziert worden,“ stellt, in seltsam widersprüchlicher Logik, ein gewisser Laurent Louis fest; seines Zeichens Wirrkopf belgischer Provenienz und mir allein bekannt, da die Tage vermeldet wurde, ein belgisches Gericht habe ihn zum Besuch von fünf KZ-Gedenkstätten verurteilt. Dort solle er, einem tunichtguten Schüler gleich, seine Gefühle in Form kurzer („50 Zeilen…“) Aufsätze dokumentieren. Ob das hilft, bleibt zweifelhaft.

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Der Spiegel der See

„That’s the problem of cool people: they are very embarrasable“, meinte mein walisischer Schwager vor einiger Zeit – er ist Krankenhausarzt und betrachtet mit jener weisen, stoisch-luziden Illusionslosigkeit die Geschäfte des menschlichen Lebens, wie sie nur die jahrzehntelange Arbeit im Vexierbild einer Station für Lungenkrankheiten verleihen kann und wohl auch muss. Auf gefährliche Höhenpfade mag diese Einstellung führen, schmale Grate an deren Rändern die Abgründe bitteren Zynismus lauern. Aber an jenen Orten, wo die scharfen Grenzen menschlichen Schicksals sichtbar an die Oberfläche treten, diese dünnen, roten Linien in unseren Herzen, welche Hoffnung von Verzweiflung, Freude von Trauer und Lebendes vom Toten trennen, bedeutet sich von wärmenden, sinngebenden Trugbildern zu befreien sich zu emanzipieren, und liebgewonnene Fata Morganen in jenem Punkt des Herzen, da sich alle Emotionen gegenseitig aufheben, sorgsam zu verwahren. Nur so gewinnt der Mensch in kühlen Zonen Souveränität und Urteilsvermögen zurück.

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