Dem perfiden Albion seine rotte Tochter

Der deutsche Feuilletoneur, der mag die lichte Tochter Albions ja gar nicht leiden. Dass diese Mammonhuldiger von der Wall Street der deutschen Kultur so bös ans Bein gepisst, dass erträgt die Edelpfauenfeder kaum, ob rechts, ob links der Schädel im politischen Kuriositätenkabinett verschraubt. Wenn, dann kann man dieses Amerika in seiner alles abtragenden, transformierenden Macht nur verkniffenen Mundes und Arschlochs akzeptieren, der Rechte jaulend: Da herrsche noch Waffenstolz und Kriegestüchtigkeit, der Linke: Da sei ja die Liberalität zu Haus, in dem selben Judith Butler unter Dache Maisonett bezogen habe. Nur so ertragen sie den sich zwischen Weltozeanen erhebenden Leviathan: als Ideal, Fiktion ihrer Sehnsüchte. Ein Hass aber verbindet sie – der gegen das geldheckende, geschäftstüchtige Amerika, das ihnen so fremd.

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Seit der Finanzkrise wittern die linken und die rechten Apokalyptiker, die grollend sich zurückgezogen hatten in ihre Grotten – die einen in den Jahren nach 45′, die anderen nach 89′ – die kaltsüße Morgenluft brennenden Landes. Egal ob sie in der Jungen Freiheit oder bei der Zeit, in der PI oder bei der Süddeutschen steile Thesen zu Papier und Bildschirm bringen, sie wissen und verkünden freudig, dass wir eingetreten sind in das Zeitalter des Spätkapitalismus. Wer solche Begriffe verwendet, wer das ’spät‘ dem Worte voranstellt, der inszeniert und imaginiert sich als Wissender, als Zukunftsschauer, dem das nächste Zeitalter sich schon offenbarte. Wahrscheinlich wird es, so haben es die Welterklärer ja an sich zu hoffen, das elysische sein, in dem das Brot nicht mehr im Schweiß gemahlen und gebrochen wird.

Aber jetzt mal ernsthaft. Seit der Crash anno 2-9 prophezeien die Edelfedern permanent den systemischen Zusammenbruch der pösen Marktwirtschaft. Ein jede Bewegung junger Idioten – ein Pleonasmus – die sich ein paar Tage oder Wochen lang unter Spruchbändern campend im Stadtpark versammelte, um dort, meist ohne jedes Programm, außer dem, dass es sooo nicht weiter gehen könne, zu deklamieren, zu demonstrieren und zu defektieren, wurde zur Avantgarde einer geradezu herbeigesehnten Revolution herangeschrieben. Jedes Manifestchen, in dem zur Revolte, zum Ungehorsam gerufen wurde, schwurbelte durch den Blätterwald. Salonrevoluzzer wie sie im Buche stehen produzierten sich in den Redaktionen anerkannter Blätter, fast ausnahmslos darin übereinstimmend, dass der verfluchte Turbokapitalismus amerikanischer Prägung – ich glaube, das ist mehr oder weniger die halboffizielle Bezeichnung – vor dem Ende, dem Untergang stehe. So zwischen 2010 und 2012 erreichten lustvoll ausgebreitete Tatarenmeldungen über den Niedergang Amerikas, speziell seiner Wirtschaft, mich nahezu im Wochentakt. Jeder Boston den Rücken kehrende deutsche Forscher wurde als Kronzeuge niedergehender amerikanischer Forschungsmacht erkannt. Die Krise der US-Industrie wurde, gespiegelt vor der boomenden deutschen, zum Fanal des fallenden Riesen aufgemotzt.

Ich schreibe diese heute da mir zu Ohren kam, dass der Airbus A 380, ein europäisches Prestigeprojekt und -objekt, wohl vor der Aus steht. Keiner will den Riesenvogel mehr. Die Boeing 747 hingegen entwickelt sich zum Flugzeug der 2020er Jahre – die Leute aus Oregon kommen kaum hinterher mit dem Nieten und Kleben. Vor ein paar Jahren hörte sich das noch ganz anders an. Die Akkuprobleme des US-Vogels wurden lustvoll in der Presse ausgeschlachtet, gern als Symbol für die Krise Amerikas selbst herangezogen. Endlich war Airbus, so die Mär, am Amerikaner vorübergezogen. Der zivile – hahaha – Hersteller hatte den Rüstungstitan überflügelt, die Welt des Kündingsschutzes hatte den Turbokapitalismus übermannt. Da war man schon sehr selbstzufrieden.

Das heute in der Liste der 100 größten Unternehmen der Welt fast ausschließlich amerikanische und chinesische sich die ersten Plätze teilen, dann ein paar schweizerische, britische und französische sich scheu aus der Deckung wagen, ficht den deutschen Dünkel nicht an. Fast eine jede Technologie von Rang und Zukunftsdrang entstand und kapitalisiert sich zwischen New York und L.A. – aber wieder wissen deutsche Kommentatoren, dass es dort nichts als Blasen, Armut und Zukunftslosigkeit gibt. Wie sehr unser Paradies – denn das haben wir – von Chinas Gnaden abhängt, wird geflissentlich ignoriert. Aber mit Argusaugen blickt man auf die Abhängigkeit der USA von China – die nicht zu leugnen ist – und sagt den Briten den Untergang voraus. Deutschland siegt an allen Fronten, das ewig alte Lied, der Deutsche pfeift es gern auf einsamen Gängen in eine helle, lichte Welt, wo auf den Spätkapitalismus die Jungsteinzeit folgen mag.

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